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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Stölzel (Gottfried Heinrich)

Hochfürstl. Sachsen-Gothaischer Kapellmeister.

<256> War den 13. Januar 1690 zu Grünstädtel im Chursächsischen Erzgebürge geboren. Sein Vater, Organist desselben Orts, lebte mehr vom Bergbau, als von seinem Organistendienste; doch liebte er die Musik so sehr, daß er seinen Sohn, mit allem Fleiße im Singen und Klavierspielen unterrichtete.

Im dreyzehnten Jahre seines Alters ward der junge Stölzel auf das Lycäum nach Schneeberg geschickt, und dem dasigen Cantor Umlauft, einem Schüler des berühmten Kuhnau, zum Unterrichte in der Musik, ins Haus gegeben. Von diesem redlichen Manne lernte er nicht nur den Generalbaß mit Fertigkeit spielen, sondern auch eins und das andere vom reinen Satze einsehen.

Nach etlichen Jahren kam er auf das Gymnasium nach Gera, und hier klang die Musik schon etwas anders, als in Schneeberg, weil der Gräfliche Hof daselbst eine ganz artige Kapelle hielt, deren Director der nicht ungeschickte Emanuel Kegel war.

<257> Stölzel fing hier an, nach den Sätzen dieses Mannes, und nach dem mancherley Guten, was er da hörte, seinen Geschmack zu bilden; worin es ihm auch so glückte, daß er nicht allein im Gymnasio, sondern auch am gräflichen Hofe selbst, öftere Musiken aufzuführen Gelegenheit bekam. Soviel Beyfall und Ermunterung ihm dies von einer Seite zuzog, eben so viel Verdruß und Hinderniß erfuhr er von einer andern Seite, von gewissen Schulpräceptoren, welche die Musik als ein verächtliches Handwerk, als eine brodlose Kunst ansahen, und alles Heil und Glück auf den lateinischen Donat gründeten.

Im Jahre 1707 bezog er die Akademie zu Leipzig, und sein musikalischer Sinn fand daselbst an den Telemannischen und Hofmannischen Compositionen wieder ein neues Vergnügen. Die Leipziger Opernbühne, welche um diese Zeit, nach dem Tode des Kapellmeisters Strunk, aufs neue eröffnet wurde, war eine sehr gute Gelegenheit für ihn, nicht allein die Arbeiten der beiden vorher genannten Männer, sondern auch anderer deutschen Componisten, sehr gut aufgeführt zu hören. Hofmann, der damals Musikdirektor an der neuen Kirche war, erwies sich besonders freundschaftlich gegen ihn, indem er ihn nicht allein zu verschiedenen Ausarbeitungen ermunterte, sondern sie auch, in der neuen Kirche, anfänglich unter <258> seinem eigenen Namen aufführte, bis es Stölzel wagen durfte selbst hervor zu treten.

Nachdem er sich in Leipzig beynahe drey Jahre aufgehalten hatte, ging er nach Schlesien, und brachte über zwey Jahre in Breslau zu, wo er in den vornehmsten adelichen Häusern im Singen und Klavierspielen Unterricht gab. Unter vielen Ouverturen, Concerten, und andern musikalischen Stücken, die er in dem dasigen musikalischen Collegio aufführte, componirte er auch eine Serenade auf die Krönung Kayser Carls VI. Von einem andern dramatischen Stücke, Narcissus, das zu Ehren der Gräfin von Neidhardt aufgeführt wurde, waren Poesie und Musik seyn Werk.

Ein italiänischer Sprachmeister, welchen er zu Breslau zum Freunde hatte, setzte ihm, durch die schmeichelhaften Erzählungen von den Annehmlichkeiten Italiens, die Gedanken in den Kopf, eine Reise dahin zu thun. Seine Musiklectionen in Breslau waren einträglich genug, um sich die nöthigen Reisekosten zu erwerben. Ehe er aber diese Reise selbst antrat, fand er für nöthig, die Seinigen zu besuchen, und sich von Ihnen zu beurlauben. Er reiste demnach vorher nach Sachsen, und hier wurde ihm unvermuthet, durch den Kapellmeister Theile, die Composition einer Oper zur Naumburger Messe aufgetragen. <259> Diese Oper hieß Valeria, und zog noch ein Paar andere, zur folgenden Messe, die Artemisia, und den Orion nach sich. Poesie und Musik waren von Stölzels Arbeit. Er besuchte auch den Hof zu Gera; wo er ein Pastorale: Rosen und Dornen der Liebe, verfertigte, und nebst vielen andern Kirchen- und Tafelmusiken aufführte. Man bot ihm an diesem Hofe sowohl, als auch am Fürstlichen Hofe zu Zeiß, die Stelle eines Kapellmeisters an: allein die vorhabende Reise nach Italien machte, daß er dieß doppelte Anerbieten ausschlug, welches ihm indeß doch einen ansehnlichen Zuwachs zu seinen Reisekosten zuwege brachte.

Im Jahre 1713 trat er nun die Reise nach Italien an, über Hof, Bayreuth, Nürnberg und Augsburg, woselbst eben der Reichstag gehalten wurde, und er das Glück hatte, durch die Musik sich viele vornehme Gönner zu erwerben. Die in Böhmen, zu Wien und Regensburg wüthende Pest versperte ihm, durch die zu haltende Guarantaine, auf einige Zeit den sehnlich gewünschten Eintritt in das lustige Italien. Er mußte, im Lazareth zu Premolano, an der venezianischen Gränze, erst acht Tage allein, und hernach, da der von Berlin kommende Simonetti, bey seinem Eintritte ins Lazareth, ihm aus Spaß den Handschuh <260> zugeworfen hatte, noch sieben Tage mit ihm aushalten.

Von hier aus begab er sich zuerst nach Venedig, und fand daselbst den nachherigen Kapellmeister Heinichen, dessen Umgang er sich sehr zu Nutze machte. Er besuchte, in dessen Gesellschaft, die venezianischen Conservatorien, deren Musikanstalten so vortreflich sind, daß sie den andern Kirchen- und Theatermusiken nicht selten den Vorzug streitig machen. Gasparini, Vivaldi, Antonio Palaroli, Ant. Biffi, und il Cavaliere Vinaccesi waren die Aufseher und Lehrer der vier venezianischen Musikschulen, und Stölzel hatte das Glück mit ihnen bakannt zu werden. Der berühmte Benedetto Marcelli verschaffte ihm auch Gelegenheit, der Musik der venezianischen Nobili in dem Pallaste alli fondamenti nuovi beyzuwohnen.

Von Venedig ging er nach Florenz, wo er, im Palaste des Herzogs Salviati, mit dem Herrn Ludewig aus Berlin, und seiner Frau Signora Maddalena aus Venedig, einer großen Lautenspielerin bekannt wurde. Der Herzog Salviati machte ihn auch mit der Prinzessin Eleonora von Guastalla bekannt, welche ebenfalls sehr geschickt auf der Laute war. Ueberhaupt wiederfuhr ihm von diesen beiden Durchlauchten Personen viele Ehre; er wurde, durch ihre Vermittelung, nicht <261> allein mit allen Virtuosen in Florenz bekannt, sondern auch in allem frey gehalten. Er hätte an diesem Orte sein zeitliches Glück, ohne Schwierigkeit, finden können, wenn ihm nicht die Verschiedenheit der Religion Hindernisse in den Weg gelegt hätte.

Im September trat er die Reise nach Rom an, wo er mit dem berühmten Buononcini Bekanntschaft machte, und vielerley Gutes in der Musik zu hören bekam. Ein gewisser Gegho gehört damals unter die besten italiänischen Sänger. Sehr wichtig muß der Besuch in Rom für unsern Stölzel eben nicht gewesen seyn, weil er nicht länger als einen Monat dauerte. Er ging wieder nach Florenz zurück, und hörte da Opern von Gasparini,Orlandini und andern Meistern, die ihm mehr Vergnügen machten. Hier fand sich der oben genannte Simonetti wieder zu ihm, und er trat in seiner Gesellschaft die Rückreise aus Italien an, über Bologna, Venedig, Trient, und Inspruck, wo er eine geraume Zeit sich aufhielt. Er fand hier die Kapelle des Prinzen Carl Philipps von der Pfalz, wohnte im Hause des Concertmeisters Wieland, und sahe daselbst täglich die Kapelle versammelt. Von Inspruck ging die Reise über Linz nach Prag, woselbst Stölzel sich drey volle Jahre aufhielt, indem er in dem Herrn von Adlersfeld, dem <262> Grafen Logi, und dem Baron von Hartig große Musikliebhaber fand. Hier verfertigte er verschiedene dramatische Stücke, sowohl der Poesie als der Composition nach. Die vornehmsten sind: Venus und Adonis; Acis und Galathea; das durch die Liebe besiegte Glück. Dazu kamen noch etliche deutsche, lateinische und italiänische Oratorien: Maria Magdalena; Jesus patiens; Caino, overo il primo figlio malvaggio; ingleichen einige Missen, und verschiedene Instrumentalsachen. Einige Vornehme beredeten ihn, seine Compositionen öffentlich aufzuführen, und Billette für Geld auszugeben, welcher Vorschlag auch recht gut von Statten ging, so daß ihm eine Menge von Virtuosen und Musikern zulief, weil er im Stande war, sie reichlich zu belohnen.

Er bekam um diese Zeit einen Ruf nach Dresden, und man versicherte ihn, daß der König von Pohlen entschlossen wäre, ihn noch eine Reise nach Frankreich thun zu lassen: es kamen aber Umstände dazwischen, die ihn abhielten nach Dresden zu gehen. Das zweyte lutherische Jubelfest rufte ihn von Prag nach Bayreuth, um die solennen Musiken zu diesem Feste zu verfertigen. Ein Paar Serenaden auf den Geburtstag des Markgrafen, und eine Oper Diomedes wurden eben daselbst vollendet und aufgeführt.

<263> Im Jahre 1719 trat er in die Dienste des Gräflichen Hofes zu Gera; blieb aber kaum ein halbes Jahr da. Indeß ist dieser kurze Aufenthalt nicht allein durch viele verfertigte Musiken, sondern auch durch den geschwind gefaßten Entschluß, sich zu verheyrathen, merkwürdig. Die älteste Tochter des Diaconus M. Knauers zu Schlaiß gefiel ihm, und sie ward seine Frau, in deren Gesellschaft er gegen das Ende des Jahrs nach Gotha zog, wohin er als Kapellmeister gerufen war. In diesem Posten ist er, bis an sein Ende, 30 Jahre lang verblieben. Stölzel hatte bisher eben nicht wenig geschrieben: aber das, was er in Gotha verfertigt hat, übertrifft das vorhergehende an Menge weit. Man rechnet acht Doppeljahrgänge, wo zu jedem Sonn- und Feyertage zwey Stücke gehören; ohngefähr vierzehn Passions- und Weihnachtsoratorien; vierzehn Operetten; sechzehn Serenaden; über achtzig Tafelmusiken; fast eben so viele Kirchenstück zu herrschaftlichen Geburtstagen, zu Landtagen, u. s. w. ohne der Menge von Missen, Ouverturen, Sinfonien und Concerte zu gedenken, die öfters heut gehört und morgen vergessen werden, und doch dem Componisten Arbeit genug gekostet haben.

Es herrscht in seinen Compositionen ein überaus leichter, und nach damaliger Art, angenehmer <264> Gesang; die Instrumentalbegleitung ist nichts weniger als überhäuft. Es war damals Mode, ganze Arien nur von einer einzigen Violin oder Hoboe begleiten zu lassen, und Stölzel scheint dieser Mode sehr gewogen gewesen zu seyn. Seinen Chören fehlt es indeß nicht an Vollstimmigkeit, und zwar an solcher, die von wahrem Reichthume der Harmonie zeigt; nicht wie heut zu Tage, wo vermittelst des Einklangs und des Octavierens aus drey Stimmen, mit leichter Mühe, eine ganze Mandel gemacht werden, daß man manchmal staunt, wenn man eine so vollstimmige Partitur ansichtig wird; aber auch mitleidig die Achsel zuckt, wenn man sieht, wie sich immer eine Stimme in die andere verkriecht.

Daß er der gebundenen Schreibart vollkommen mächtig gewesen, und sich auf alle Künsteleyen des Canons verstanden habe, zeigen fast alle seine Kirchenarbeiten, unter andern ein Kyrie und Gloria von 13 reellen Stimmen, nämlich 8 Sing- und 5 Instrumentalstimmen; auch ein deutsches Te Deum laudamus, welches etliche fleißig gearbeitete Fugen enthält. Schade ist es, daß zur damaligen Zeit unsere Druckereyen noch nicht so eingerichtet waren, daß sie musikalische Meisterstücke mit Sauberkeit und Accuratesse der Welt liefern konnten; und Schande ist es, daß nun, da sie es können, seichte Stümpereyen <265> die Bekanntmachung so manchen bessern Werks verhindern.

Auch mit Entwürfen zu theoretischen Werken beschäftigte sich Stölzel bisweilen; doch hat er nichts davon ins Reine gebracht, oder öffentlich bekannt gemacht, einen kleinen Traktat von 3 Bogen in Quart ausgenommen, der im Jahre 1725 gedruckt ist, unter dem Titel: Praktischer Beweis, wie aus einem, nach dem wahren Fundamente solcher Noten-Künsteleyen gesetzten Canone perpetuo in hypo-diapente quatuor vocum, viel und mancherley, theils an Melodie, theils auch an Harmonie unterschiedene Canones perpetui zu machen seyn, u. s. w. Daß auch Stölzel keinen hohen Werth auf diese ängstliche Notenweberey setzte, sieht man überall aus diesem Tractätchen, das seiner Seltenheit wegen wohl einer neuen Auflage werth wäre. Für die Societät der musikalischen Wissenschaften, in die er im Jahr 1739 getreten war, hatte er eine Abhandlung vom Recitative aufgesetzt, von welcher aber nichts öffentlich erschienen ist.

Zwey Jahre vor seinem Tode war er beständig kränklich, und im Haupte schwach; er starb endlich, nach einem sechstägigen Lager, den 27 November 1749, noch nicht völlig 60 Jahr alt.

<266> Von seinen hinterlassenen Kindern ist noch zu Ende des vorigen Jahres 1783 der dritte Sohn, Wilhelm Friedrich, als Consistorialrath und Generalsuperintendent des Herzogthums Gotha, gestorben. Der zweyte Sohn, August Heinrich, war Kammerrath und Tranksteuereinnehmer in Altenburg. Dessen Tochter ist hier in Leipzig an unsern berühmten Professor Clodius verheyrathet, und besitzt, außer andern Vorzügen, die ihr Ehre machen, einen ansehnlichen Theil von den musikalischen Talenten ihres seligen Großvaters.