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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Jomelli (Nicolo)

Herzoglich-Würtembergischer Kapellmeister.

<172> Es ist zwar nicht viel, was hier von Jomelli's Leben kann gesagt werden; aber bey berühmten Männern ist auch ein Weniges der Mühe werth.

Er war im Jahr 1714 zu Atelli geboren. Die Musik studirte er in seiner Jugend bey Durante und Leonardo Leo; zwey der größten Harmoniegelehrten und Componisten, die Italien je gehabt hat. Daß der Unterricht dieser beiden berühmten Meister seinem vortreflichen Genie sehr nützlich sein müsse gewesen seyn, sieht man aus dem außerordentlichen Beyfalle, den seine ersten Opern: Ifigenia, Cajo Mario und Astianatte auf den Theatern zu Neapel und Rom erhielten. Diese drey Werke, voll Feuer und Melodie, zeigten von einem so feinen und richtigen Geschmacke, von einer zu jedem Ausdrucke der Leidenschaft so gestimmten Seele, daß sie, dem Scheine nach, es mit einem Pergolese und Vinci hätte aufnehmen können. Seine Talente verbesserten sich von Tage zu Tage, und sein Ruhm wuchs mit seinen Talenten. Er würde auch diesen Ruhm außer den Grenzen seines Vaterlandes, und bis auf diese Stunde, behauptet haben, wenn er den Weg, <173> den ihn seine ersten Lehrer gezeigt hatten, nicht vorsetzlich, aber auch einigermaßen zu seinem Nachtheile, verlassen hätte.

Nachdem er einige Zeitlang Musikmeister in einem der Venezianischen Conservatorien gewesen war, wozu man immer Leute von bekannten und entschiedenen Verdiensten auszusuchen pflegte, sollte er an der Peterskirche zu Rom Kapellmeister werden: die römischen Musiker aber verlangten, daß er sich vorher müsse examiniren lassen, weil sie nicht glaubten, daß er dem Kirchenstyle sattsam gewachsen sey. Den Jomelli verdroß diese Einwendung. Er verließ Rom, und begab sich nach Bologna, um unter dem Pater Martini den Contrapunct zu studiren. Er war damals schon über dreißig Jahre alt.

Hier wurde nun wohl das Genie des Jomelli unter der Last pedantischer Contrapunctsregeln einigermaßen unterdrückt. Wenigstens änderte sich, von der Zeit an, seine Schreibart; und wenn diese bisher natürlich, leicht und fließend gewesen war, wie man es von dem Schüler eines Leo vermuthen konnte: so ward sie nunmehro gekünstelt, schwerfällig und gezwungen. Alles sollte die Miene der Gelehrsamkeit haben, und darüber ging dann viel von dem natürlichen Schönen verloren, das seine ersten Arbeiten so beliebt gemacht hatte. Vielleicht wählte er diese Manier <174> auch in der Absicht, um sich durch eine ihm ganz eigenthümliche Schreibart von andern Componisten zu unterscheiden.

Unter diesen Umständen verließ er Italien, und folgte einem Rufe nach Deutschland; und zwar an den Hof des Herzogs von Würtemberg, wo er als Kapellmeister lange Jahre in Diensten gestanden, und, außer einer ansehnlichen Besoldung, viele Proben von der Freygebigkeit dieses Fürsten gehabt hat. Er hat hier sehr viel, besonders für das Theater, geschrieben; es ist aber wenig davon bekannt geworden, weil der Herzog alle seine musikalischen Werke mit eifersüchtiger Sorgfalt, als einen Schatz, verwahrte. Jetzt hat man die Herausgabe aller Jomellischen Werke auf Subscription angekündigt; und zum Besten der Kunst wäre zu wünschen, daß sie zu Stande käme.

Sein Ruhm hatte sich bis nach Portugall verbreitet, und er bekam von Könige einen Ruf nach Lissabon, den er aber ausschlug. Der König von Portugal setzte ihm endlich einen sehr beträchtlichen Gehalt blos dafür aus, daß er ihm eine Abschrift aller seiner Arbeiten überschickte.

Da sich endlich die Umstände mit der Würtembergischen Kapelle änderten, so verließ Jomelli Deutschland, und begab sich, mit seiner kränklichen Frau, nach Neapel, wo er seine Tage <175> in Ruhe, meistens in seinem schönen Landhause zu Aversa hinbrachte.

Doch blieb er hier nicht ganz unthätig und müßig. Er ließ sich bereden für das Theater S. Carlo zu Neapel die Oper Armide, nach der Poesie eines jungen Dichters, des Francesco Saverio de Rogati, zu schreiben. Entweder that sich Jomelli dabey ein wenig Gewalt an, oder es lag an den Sängern, die von der größten Geschicklichkeit waren, und durch ihre gute Ausführung das Schwere leicht machten; genug diese Oper fand sowohl bey dem großen Haufen, als bey den Kennern, die günstigste Aufnahme.

Jomelli glaubte nun das Land gewonnen, und Zuhörer, die jetzt nur Gondelfahrerlieder oder Gesänge voller Blümchen und Verzierungen hören wollten, auf seiner Seite zu haben. Er schrieb demnach seinen [FN] Demofoonte, worin er sich ein wenig mehr von dem Geschmacke des <176> Volks entfernte. Den Kennern gefiel diese Oper eben so sehr als Armide, und der Menge mißfiel sie nicht. Etwas unüberlegt schrieb Jomelli seine dritte Oper, Ifigenia in Aulis, in einer noch gelehrtern Schreibart. Das Publikum war damit unzufrieden; auch deswegen, weil ein guter Theil der Sänger, die wenig Zeit gehabt hatten die Oper mit einander zu probiren, die Jomelli erst an dem Tage vollendete, da sie aufgeführt werden sollte, die gelehrte Composition sehr unglücklich vortrug. Man vertauschte diese Oper in wenig Abenden mit einer andern; diese Oper, die man nachher bewunderte, die schöner ist, als die beiden vorhergehenden, und die eine Favoritunterhaltung jeden Liebhabers an seinem Klaviere ward; aber das sind nun einmal die eigensinnigen Schicksale des Theaters. Jomelli nahm diesen Vorfall sehr zu Herzen, und wurde nicht lange hernach von einem Schlagflusse gerührt. Er erholte sich indeß völlig wieder, und, jener Kränkung ungeachtet, schrieb er auf Verlangen des Herzog von Arcos, eine Cantate auf die Entbindung der Königin, worinne viele unnachahmliche und bewundernswürdige musikalische Schönheiten sind, die eines jeden Gemüth überraschen und rühren.

Seine letzte Arbeit war ein Miserere, oder der ein und funfzigste Psalm, von seinem Freunde, <177> dem D. Saverio Mattei in italiänische Verse übersetzt. Es ist dieser Psalm für zwo Sopranstimmen, mit Violinen, Bratsche und Baß begleitet, geschrieben, und wurde zuerst in des Dichters Hause, vor einer ansehnlichen Versammlung, von zwey großen Sängern, dem Aprile und der de Amicis, aufgeführt. Dieß herrliche Stück ist auch in Deutschland in vieler Liebhaber Händen; aber leider in ziemlich fehlerhaften Abschriften. Die Urtheile darüber sind sehr getheilt: doch wird man die Hand des großen Meisters darinne nicht verkennen, die freylich immer das Eigenthümliche sucht, kühne und gewagte Züge hinsetzt, wo bisweilen das Bekannte und Gewöhnliche besser gewesen wäre; die auch nicht selten, aus Liebe zu harmonischen Künsteleyen, Gesang und Ausdruck ein wenig vernachlässigt. Statt aller andern Urtheile mag der Verfasser der Begebenheiten Eduard Bomstons in Italien, der diesen Psalm in einer Kirche aufführen hörte, hier seine Meynung sagen: "Es ist ein wahres Meisterstück der Kunst," sagt er im 23sten Brife, "so simpel, und doch in so hohem Grade rührend; so schwer für den Sänger, und doch so leicht und tief eindringend in die Seele. Mich dünkt es sublimer, voller und reichhaltiger, als das nie genug bewunderte Stabat mater des Pergolese. Die süße Gewalt der Täuschung ergriff mich; <178> es war mir, als fühlte ich eine Bürde von Verschuldungen auf mir liegen; ich hätte mich hinwerfen und Thänenströme vergießen mögen. Auch glaube ich, daß es keine so große Sünde giebt, die man in einer so innigen Rührung, als durch diese Musik ausgedrückt und hervorgebracht wird, dem Himmel nicht abbitten könnte. Ich weinte, wie Dante sagt, in allen meinen Sinnen und Gedanken."

Unstreitig hat Jomelli mit diesem Stücke seine musikalische Laufbahn sehr rühmlich geendigt. Sein Tod erfolgte den 28 August im Jahre 1774. Ein Zeugniß der allgemeinen Achtung, in welcher er bey allen Tonkünstlern zu Neapel stand, war die Begräbnißfeyer, die ihm zu Ehren, von dem Kapellmeister des Erzbischoffs zu Neapel, Manna, veranstaltet und von so vielen Musikern begangen wurde, daß zwey Orchesters sie nicht alle fassen konnten. Die Musik dazu war vom Kapellmeister Sabatini componirt, und die Kosten der ganzen Feyerlichkeit schossen die Musiker zusammen. Der oben genannte D. Saverio Mattei verfertigte fünf Auffschriften zum Leichengerüste, und der Abt Sparziani schickte, von Rom aus, einige Sonnette, von ihm selbst und einigen Freunden, die man in dem Saggio di Poesie Latine ed Italiane des Saverio Mattei, und aus diesem im deutschen <179> Museo, May, 1776 findet, woraus diese Nachrichten größtentheils gezogen sind.

Es sey mir erlaubt, aus diesen Urkunden, hier ein Urtheil über das Genie des Jomelli abzuschreiben, da ich es für sehr gegründet und wahr halte. "Seine Phantasie war immer fruchtbar, sein Schwung allemal lyrisch und pindarisch; und eben wie Pindar ging er mit einer ganz neuen und auf eine gelehrte Art unregelmäßigen Manier aus einem Tone in den andern über. Er hat ungemein viel geschrieben, und meistens wie aus dem Stegereif. Um so mehr ist es zu verwundern, daß er zuweilen in die Fehler eines zu großen Fleißes und großer Schwierigkeiten verfiel; Fehler, die sonst nur derjenige zu begehen pflegt, der selten, wenig, furchtsam und ängstlich schreibt, nicht ein Componist, der im vollen Feuer und gleichsam aus dem Stegereif arbeitet. So wie ihm dieser übermäßige Fleiß, und die daraus entstehende Schwere, den Beyfall aller Musikgelehrten erwarb, so brachte sie ihn zuweilen, bey theatralischen Aufführungen, um den Beyfall des großen Haufens."

Von seinen Arbeiten ist ein Oratorium des Metastasio: La Passione di Gesu Cristo in England in Kupfer gestochen. Ein anderes: Isacco Figura del Redentore ist geschrieben in den Händen der Liebhaber. In beiden sind Sätze und <180> Stellen von ungemeiner Wirkung und der edelsten Simplicität; obleich nicht zu läugnen ist, daß man bisweilen auf eine Arie stößt, welche zu geräuschig oder zu gespielt in den Instrumenten ist, und in den Ton des Ganzen nicht zu passen scheint. Die Chöre hingegen sind vollkommen in der meisterhaften Manier der guten vormaligen italiänischen Schule.

Noch ist von ihm ein Requiem oder Todtenmisse bekannt, die in allem Betracht für ein Meisterstück gelten kann. Der edelste, rührendste Gesang, voll Ausdruck und Würde, durch kein Geräusch der Instrumente unterdrückt, auch durch keine gewaltsamen und allzu kühnen Modulationen verdunkelt, sind das Eigenthümliche dieser vortreflichen Musik. Sie ist, wie sein Schwanengesang, das oben gerühmte Miserere blos mit Violinen, Bratsche und Baß begleitet; man hat aber auch eine Partitur, wo Franz Xavier Richter in Strasburg sie mit allen möglichen blasenden Instrumenten, sogar mit Trompeten und Pauken verstärkt hat. Ein Veni Sancte Spiritus für bloße Singstimmen, wird auch als ein großes Meisterstück von ihm gerühmt und in der Päbstlichen Kapelle als ein Heiligthum verwahrt.

In seinen übrigen Arbeiten für die Kirche, Missen, Te Deum u. dergl. fällt sogleich die <181> Absicht in die Augen, durch fleißige Bearbeitung der Harmonie eben so viel zu wirken, als durch simpeln und zweckmäßigen Gesang. Seine Fugen im Allabrevetact sind sehr reich und voll von Harmonie; fallen aber dabey zum Theil ein wenig ins Aengstliche und Gezwungene.

Sonst war Jomelli auch von andern Kenntnissen nicht leer. Er hat sehr oft die Opern, die er componiren sollte, abgeändert, und hin und wieder eigene Poesien eingeschoben. Man findet in einer zu Rom gedruckten Sammlung von Gedichten eine schöne Ode von ihm, auf den Vergleich des päbstlichen Stuhls mit dem portugisischen Hofe.

Seiner äußerlichen Gestalt nach war er klein von Person; aber dabey außerordentlich dick. Er soll im Gesicht viel Aehnliches mit Händeln gehabt haben; aber viel gefälliger und höflicher als dieser gewesen seyn. Ein vorzügliches Vergnügen fand er darinne, wenn er in einer Stadt die in Italien berühmten herumziehenden blinden Geiger, bravi orbi genannt, antraf, sie rufen und vor sich spielen zu lassen.