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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Pisendel (Johann George)

Königl. Polnischer und Churfürstl. Sächsischer Concertmeister.

<182> Erblickte das Licht der Welt am 26 December im Jahre 1687 zu Carlsburg, einer kleinen Stadt in Franken. Sein Vater, Simon Pisendel, war Cantor an diesem Orte.

Es äußerte sich frühzeitig bey dem jungen Pisendel eine besondere Neigung und Fähigkeit zur Musik, die sein Vater durch geschickten und fleißigen Unterricht so glücklich unterstützte, daß der Sohn, als ein Kind von neun Jahren, sich vor dem Markgrafen von Anspach, als er durch Carlsburg reiste, mit einem italiänischen, für den Sopran gesetzten Motett, in der Kirche konnte hören lassen. Der Markgraf fand an der Geschicklichkeit des jungen Sängers so viel Vergnügen, daß er ihn sogleich als Sopranisten in seine Kapelle nahm.

Diese Kapelle bestand damals aus unterschiedenen auserlesenen italiänischen und deutschen Virtuosen. Der Kapellmeister war Franz Anton Pistocchi, ein Mann, den man einen großen Theil der Ausbildung dessen, was die italiänische Singart Anziehendes und Vorzügliches besitzt, zu <183> danken hat. Die bravsten Sänger Welschlandes, die in den damaligen Zeiten sich berühmt gemacht haben, sind aus seiner Schule. Auch als Componist hatte er unstreitige Verdienste. Außer vielen italiänischen Cantaten, hat er einige italiänische Opern, z. E. Il Narciso des Apostolo Zeno, zu Anspach in Musik gebracht, und selbst den Narciso in derselben vorgestellt. Zwey Duette in italiänischer Sprache, zwo Arien in französicher, und, welches in der That viel von einem Italiäner ist, auch zwo deutsche Arien von ihm sind zu Amsterdam in Kupfer gestochen.

Der Concertmeister zu Anspach war der brave Violinist und Componist, Joseph Corelli, welcher theils durch verschiedene gedruckte Instrumentalcompositionen, theils auch dadurch bekannt ist, daß er den Concerten zuerst die noch jetzt gebräuchliche Form gegeben; die dann sogleich von Vivaldi und andern angenommen, und immer mehr ausgebildet worden ist. Unter dem Vorgange so braver Lehrer und Beyspiele, bey viel eigenem Triebe und Genie, war es nicht zu verwundern, daß Pisendel in den musikalischen Wissenschaften ungemein zunahm; zumal da ihm Corelli ordentliche Lectionen auf der Violin gab. Eigentlich hatte ihn sein Vater zum Studiren bestimmt, und dieser Absicht gemäß zu handeln, besuchte er das Anspachische <184> Gymnasium, wo er nicht fleißiger hätte seyn, und mehr Fortgang in den Wissenschaften haben können, wenn er auch gar keine Zeit auf die Musik verwendet hätte. Dies sey jungen Tonkünstlern zur Lehre und Aufmunterung gesagt, wenn sie, wie es bey den meisten der Fall ist, Gelegenheit haben, sich mit beiden, den Schul- und musikalischen Wissenschaften, bekannt zu machen. Es ist einem Gelehrten keine Schande Kenntnisse von der Musik zu haben; eben so wenige hat es je einem Tonkünstler geschadet, wenn er sich auch in andern Wissenschaften umgesehen hatte.

Sechs Jahr war Pisendel als Sopranist, und nachher, als die Stimme sich geändert hatte, noch fünf Jahre als Violinist in Anspachischen Diensten. Er nahm hierauf seinen Abschied, und begab sich im März 1709 nach Leipzig, um sein Studiren, auf dasiger Akademie, weiter fortzusetzen. Der Markgraf von Anspach versprach ihm bey dieser Gelegenheit, daß er, nach Vollendung seiner Universitätsjahre, und nach Beschaffenheit seiner erlangten Geschicklichkeit weiter für seine Beförderung sorgen wolle. Auf der Reise nach Leipzig führte ihn der Weg durch Weimar, wo er mit dem, damals allda in Diensten stehenden Johann Sebastian Bach bekannt wurde.

Als Pisendel, kurz nach seiner Ankunft in Leipzig, sich das erstemal im Collegio musico <185> daselbst wollte hören lassen, sah ihn ein damaliges Mitglied dieses Collegiums, Götze [FN] welcher nach der Zeit sein beständiger guter Freund gewesen ist, von der Seite an, weil Pisendel, sowohl der Figur als der Kleidung nach, nichts Außerordentliches zu versprechen schien. "Was will doch Pürschgen hier?" sagte Götze mit der ihm gewöhnlichen Lebhaftigkeit: "Ja, ja, der wird uns was Rechtes vorgeigen!" Pisendel legte indeß sein Concert auf, welches von seinem Meister Corelli war, und kaum hatte er das erste Solo zu spielen angefangen, als Götze seinen <186> Violoncell, den er immer zu spielen pflegte, auf die Seite setzte, und den neuen Studenten mit Bewunderung ansahe. Noch mehr würkte das Adagio auf ihn: er riß, während demselben die Perüque von Kopfe, warf sie auf die Erde, und konnte kaum das Ende erwarten, um Pisendeln voll Entzücken zu umarmen, und ihn seiner Hochachtung zu versichern.

Als im Jahre 1710 der damalige Musikdirektor der neuen Kirche und des Collegii musici, Melchior Hofmann, eine Reise nach England that, nahm Pisendel die Anführung, nicht allein der Musik in der neuen Kirche und im Collegio musico, welches damals im Ranstädter Schießhause gehalten wurde, sondern auch in den damaligen Leipziger Opern über sich, und verwaltete alles mit dem größten Ruhme.

Im Jahre 1711 reiste er aus Leipzig mit dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt nach Darmstadt, um daselbst, bey einer vom Kapellmeister Graupner, in Musik gesetzten Oper dem Orchester vorzustehen. Man suchte ihn, unter sehr vortheilhaften Bedingungen, daselbst in Diensten zu behalten; er verbat es aber, weil er versprochen hatte um Ostern wieder in Leipzig zu seyn.

In eben diesem Jahre erhielt er unvermuthet einen Ruf in die Königlich-Churfürstliche Kapelle zu Dresden. Der damalige Concertmeister in Dresden, Volümier, welcher Pisendeln <187> im Collegio musico zu Leipzig gehört hatte, gab dazu die Veranlassung. Diesen Ruf nahm Pisendel an, übergab dem aus England zurück gekommenen Hofmann die für ihn bisher verwalteten musikalischen Geschäfte, und trat im Januar 1712 die königlichen Kapelldienste an, wo er, gleich neben dem Concertmeister, den ersten Platz im Orchester bekam.

Im May des Jahres 1714 ließ ihn der König, in Gesellschaft einiger andern Mitglieder der Kapelle, nämlich des Kapellmeisters Schmidt, des Concertmeisters Volümier, des Hoforganisten Pezold, und des Oboisten Richter, nach Frankreich reisen. Sie nahmen auf dieser Reise den Weg über Lüneville, und ließen sich daselbst vor dem damaligen Herzoge von Lothringen, dem Vater des Kaisers Franz des ersten, hören. Pisendel und Richter erhielten besonders vielen Beyfall. Hierauf setzten sie ihre Reise nach Paris fort; und weil der damalige königliche Churprinz von Sachsen sich eben in Paris befand, so hatte Pisendel öfters die Ehre vor demselben zu spielen. Auf dieser Reise nach Paris hatte er das Unglück, daß ihm in einem Dorfe, nahe bey Darmstadt, seine Geldbörse gestohlen wurde, wobey er sich aber sehr gelassen bezeigte.

Im Jahre 1715, nach seiner Zurückkunft aus Frankreich, erhielt er die Erlaubniß, nebst einigen <188> andern Kön. Churfürstlichen Kammermusikern, nach Berlin zu reisen, als eben der Feldmarschall, Graf von Flemming, sich daselbst befand. Hier hatte er die Ehre sich vor Sr. Damaligen Königl. Preußischen Majestät, bey einem von dem Grafen von Flemming angestellten Gastmale, hören zu lassen.

Im Jahr 1716 reiste Pisendel, in Gesellschaft des Oboisten Richter, auf königliche Kosten, nach Italien. Unterwegens ließ er sich in Bayreuth, auf Verlangen des dasigen Hofes, hören, und wurde darauf, nach vielen erhaltenen Gnadenbezeugungen, mit fürstlichen Pferden, und dazu gegebenen fürstlichen Livreybedienten, zwölf Meilen weit, nach Karlsburg, zu seinem Vater, frey gebracht.

Im April dieses Jahres kam er in Venedig an, und besorgte abermals, bey dem damals in Venedig sich befindenden königlichen Churprinzen, die Musik, neun Monate lang, fast täglich.

Im Anfange des Jahres 1717 ging Pisendel, mit Genehmigung seines Hofes, von Venedig über Loretto nach Rom und Neapel. Er versäumte dabey keine Gelegenheit, von denen allda im Carneval aufgeführten Opern und andern Musiken wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen. Zu Neapel fand er damals wenig gute Violinspieler; zu Rom aber lernte er, bey seiner Rückreise, den <189> berühmten Violinisten Montanari, zu Florenz den Martino Bitti, und zu Venedig den mit Ruhm bekannten Vivaldi, nebst noch andern Virtuosen, kennen, und machte sich auch von ihren musikalischen Geschicklichkeiten, was er für nöthig fand, zu Nutze. Von Vivaldi und Montanari hat er sogar noch förmliche Lectionen auf der Violin genommen.

Bey seinem Aufenthalte in Venedig begegneten ihm ein Paar besondere, unter sich aber sehr verschiedene Zufälle. Der eine ist dieser: Er wurde einsmals, auf Veranlassung des Königl. Churprinzen von Sachsen, genöthigt, bey einer Oper, da die Ballette noch nicht so üblich waren, als sie es nach der Zeit geworden sind, zwischen den Acten, ein Violinconcert zu spielen. Die Musici des Orchesters, welche alle Italiäner waren, mochten darüber ein wenig neidisch seyn, und hatten sich unter einander beredet, bey Gelegenheit schwerer Passagien, Pisendeln durch Eilen confus zu machen; dieser aber hielt so fest im Tacte, und stampfte so lange mit dem Fuße dazu, bis er sie gebändigt und nicht wenig beschämt hatte. Dem Prinzen machte der Vorfall und die Standhaftigkeit Pisendels keine geringe Freude.

Die zweyte besondere Begebenheit, die ihm zu Venedig aufstieß, ist folgende: Er ging mit Vivaldi auf dem S. Markusplatze spazieren. <190> Mitten in der Unterredung brach Vivaldi unvermuthet ab, und sagte heimlich zu ihm, er möchte unverzüglich mit ihm nach Hause gehen; die Ursache sollte er zu Hause erfahren; Pisendel that es, und Vivaldi erzählte ihm, daß vier Sbirren, die Pisendel gar nicht gewahr geworden war, ihm immer nachgegangen wären, und ihn genau betrachtet hätten. Er fragte ihn, ob er etwa in Venedig etwas Unerlaubtes gethan oder geredet habe; und da sich Pisendel auf nichts besinnen konnte, so rieth er ihm, wenigstens so lange nicht aus dem Hause zu gehen, bis er seinetwegen weitere Nachricht eingezogen und ihm Antwort gebracht hätte. Vivaldi sprach auch wirklich sogleich deswegen mit einem von den Staatsinquisitoren, erfuhr aber, daß man einen gewissen andern Menschen aufgesucht hätte, der einige Aehnlichkeit mit Pisendeln haben mochte, dessen Aufenthalt man aber auch allbereits wußte.

Pisendel hätte auch noch gern Mayland und Turin besucht; aber er mußte, auf Befehl des königlichen Hofes zu Dresden, wieder nach Sachsen zurückkommen. Er reiste also aus Italien ab, und kam am 27 September 1717 glücklich wieder in Dresden an.

Im Jahre 1718 mußte er nach Wien reisen, wo sich der Königl. Churprinz damals aufhielt, <191> und daselbst wieder Sr. Königl. Hoheit Kammermusik besorgen; welches jetzo, in drey verschiedenen Ländern, zum drittenmale geschah.

Im May des Jahres 1728 mußte Pisendel noch einmal, als sein König nach Berlin ging, nebst den Herren Büffardin [FN], Quanz und Weiß dahin kommen. Quanz blieb etwas länger daselbst; die übrigen drey aber reisten, nach einem Aufenthalte von drey Monaten, jeder mit einem Geschenke von hundert Dukaten, wieder nach Dresden zurück.

Nach dem am 7. October 1728 erfolgten Ableben des Concertmeisters Volümier, bekam Pisendel die völlige Verwaltung aller Dienste desselben. Er hatte sowohl französische als italiänische Musiken aufzuführen, und er that es, als ein Meister in beiden damals sehr von einander verschiedenen Musikarten. Er wurde aber erst im Jahr 1730, nach dem Feldlager bey Mühlberg, zum wirklichen Concertmeister erklärt.

Schon im Jahre 1719 ereignete sich, bey der Probe einer Oper von Lotti, eine Streitigkeit über die Ausführung des Accompagnements einer gewißen Arie, zwischen dem Sänger Senesino und dem Concertmeister Volümier. <192> Der erstere gab dem letztern Schuld, daß er in dieser Arie zu hart und rauh spielte; es kann auch wohl etwas davon wahr gewesen seyn. Bey einer andern Probe blieb Volümier außen, und Pisendel stand an der Spitze der Instrumentalmusik. Nach Endigung der erwähnten Arie reichte Senesino dem Herrn Pisendel, vom Theater herab, die Hand, bezeigte ihm seine Zufriedenheit über den richtigen und zweckmäßigen Vortrag der Arie, und sagte dabey ganz laut: Dieß ist der Mann, der zu accompagniren versteht. Man siehet daraus, daß Pisendel sich leicht in den Charakter einer jeden Musikart zu schicken wußte; da Volümier sich nur auf die französiche verstand.

Im Jahre 1731 wurde zu Dresden die Opernbühne wieder hergestellt. Ein Componist, wie Hasse, war eines Ausführers, wie Pisendel, vollkommen würdig. Keiner hat von dem andern je Schande gehabt. Sie standen auch stets in gutem Vernehmen mit einander; und Hasse schrieb keine Oper, wo er nicht vorher, wegen Bezeichnung der Bogenstriche, und anderer zum guten Vortrage nöthiger Nebendinge, sich mit dem Concertmeister besprach, und in diesem Stücke gänzlich auf ihn verließ. Pisendel sahe sodann die Stimmen, wenn der Copist sie fertig hatte, alle mit Aufmerksamkeit <193> durch, und zeichnet jeden kleinen die Ausführung betreffenden Umstand sorgfältig an; so daß, wenn man das damalige Orchester beysammen und in der Arbeit sahe, es in Ansehung der Violinisten nicht anders schien, als ob ihre Aerme, womit sie den Bogen führten, durch einen verborgenen Mechanismus, alle zu einer gleichförmigen Bewegung gezwungen würden.

Im Jahre 1734 mußte Pisendel, nebst einigen andern von der Sächsischen Kapelle, auf Befehl seines Königs, nach Warschau kommen.

Die Composition hatte Pisendel einige Zeit unter dem Kapellmeister Heinichen studirt. Vielleicht zu früh wurde dieses nützliche Geschäft, aus einer Ursache, welche nur in der allzulebhaften Einbildungskraft des Kapellmeisters ihren Grund hatte, gestört. Doch hat man von Pisendels eigener Arbeit einige Violinconcerte, und einige schöne Concerti grossi, deren eines er zur Einweihung der neuen katholischen Hofkirche in Dresden gesetzt hat. Ferner hat man von ihm verschiedene Violin-Solos, ingleichen einige wohlgearbeitete vierstimmige Instrumentalfugen für die Kirche, dergleichen dann und wann, unter der Messe, anstatt der Concerte, gespielt wurden, jetzt aber den Sinfonien Platz gemacht haben. Er war in der That, aber mit Unrecht, zu furchtsam vieles zu setzen und bekannt <194> werden zu lassen. Nie war er mit seiner eigenen Arbeit zufrieden, sondern wollte sie immer noch verbessern; ja er arbeitete sie wohl mehr als einmal um. Diese Vorsichtigkeit war nun wohl etwas übertrieben; indeß mag sie eine Ursache mit seyn, daß so wenig von seiner Arbeit bekannt geworden ist. In unsern glücklichen Tagen ist man über diese Aengstlichkeit hinweg.

So wenig auch Pisendel selbst gesetzt haben mag, so war er doch von desto richtigerer und eindringenderer Empfindung und Beurtheilung anderer Musikstücke; besonders in der Ausnahme und Wirkung eines Stücks. Bis auf die Schicklichkeit oder Unschicklichkeit einer kurzen Pause war er empfindbar; und er theilte auch seine Beurtheilungen denen, die er derselben würdig hielt, gern mit. Auf diese Weise hat er seine starke Beurtheilungskraft machen andern, die in der Jugend mit ihrer Arbeit vielleicht zu sehr zufrieden, aber doch dabey geneigt waren, gegründeten Erinnerungen ihre Aufmerksamkeit nicht zu versagen, großen Vortheil gebracht. Dieß war auch für Pisendeln ein eben so großes Vergnügen, als wenn er selbst ein schönes Stück ausgearbeitet hätte. So sollten rechtschaffene Tonkünstler zu allen Zeiten gesinnet seyn.

Er war einer der genauesten Anführer eines Orchesters, die man jemals gehabt hat. In <195> seinen jüngern Jahren war er einer der besten Solospieler; besonders ward der gründliche, nicht mit überflßigen Zierrathen überhäufte, männliche Vortrag des Adagio an ihm gerühmt. Man thut vielleicht nicht Unrecht, wenn man die Geschicklichkeit unserer heutigen besten Adagiospieler, in gewisser Art, und auf mehr als eine Weise von ihm herrechnet. Nachdem er aber Concertmeister geworden war, spielte er concertirende Stücke seltener, und ließ sich dagegen die Anführung des Orchesters destomehr angelegen seyn. Wie vortreflich, zu seinen Zeiten, das Dresdner Orchester, bey welchem Volümier, durch Uebung in französichen Stücken, schon einen guten Grund gelegt hatte, hauptsächlich in der Ausführung im Ganzen, oder im Großen, gewesen sey, wissen alle Kenner, welche es zu hören Gelegenheit gehabt haben. Und da gute Gewohnheiten, wenn sie einmal fest eingewurzelt sind, nicht so leicht wieder verschwinden: so ist es nicht zu verwundern, wenn man auch jetzt noch Festigkeit, Präcision, Gleichheit und andere vorzügliche Eigenschaften in der Ausführung des Dresdner Orchesters findet.

Gegen fremde Tonkünstler, welche zu Zeiten nach Dresden kamen, war Pisendel sehr freundschaftlich, und erwies ihnen nicht allein von allen Höflichkeiten des bürgerlichen Umgangs mehr, als <196> man immer hätte erwarten können; sondern er verschafte ihnen auch mit Vergnügen alle mögliche Gelegenheit, Musik mit Bequemlichkeit und Anstande zu hören. Mit ihm über musikalische Marterien zu sprechen, war für aufmerksame Leute ungemein lehrreich und angenehm.

Gegen seine Collegen in der Kapelle erwies er sich, wie es ihm nur möglich war, immer als einen wahren und thätigen Freund; er wurde dagegen auch von ihnen, wie billig, in hohem Grade geehrt und geliebt.

Jungen Leuten, welche besondere Fähigkeiten in der Musik hatten, war er, wie schon oben ist gesagt worden, ungemein geneigt fortzuhelfen, und ihre Bemühungen mit gutem Rathe und Belehrungen zu unterstützen. So hatten besonders die beiden Herrn Graun, so lange sie in ihrer Jugend in Dresden waren, seiner Freundschaft und zum Theil auch seiner Anweisung vieles zu danken. Ein gleiches rühmt Quanz, in seinem selbst aufgesetzten Lebenslaufe [FN], von ihm.

Redlichkeit war ein Hauptzug in seinem Charakter. Er bewies diese sowohl in eifriger Ausübung der Pflichten gegen Gotte, als auch in vielen und großen Wohlthaten gegen Arme und <197> Nothleidende. Man weiß, daß er zuweilen wichtige Geschenke an Dürftige, ohne Unterschied der Religion, und ohne seinen Namen bekannt werden zu lassen, überschickt, und niemals gern gesehen hat, wenn man ihn entdeckt, und besondern Dank dafür hat abstatten wollen. Auch armen Studirenden hat er, sowohl auf der Schule zu Dresden, als nachher auf der Akademie, nicht unbeträchtliche Wohlthaten zufließen lassen. Zu seiner Erbauung und Andacht war täglich, früh und Abends, eine Stunde ausgesetzt, wo er die Bibel fleißig und zwar in beiden Grundsprachen las. Ein seltenes Beyspiel eines Musikers von Profeßion, und ein abermaliger Beweis, daß Musik und Gelehrsamkeit sich recht gut mit einander vertragen, wenn man nur seine Zeit nützlich anzuwenden und klug einzutheilen weiß.

Bey der höchstseligen Königin von Polen, Christina Eberhardina, stand Pisendel gleichfalls besonders in Gnaden. Er wurde, nebst andern, zur Sommerzeit, öfters an ihren Hof nach Pretsch berufen, und für seine Bemühungen anschaulich beschenkt.

Die besondern Gnadenbezeugungen, womit seine gnädigste Herrschaften seine Dienste belohnten, machten, daß er verschiedene vortheilhafte Anerbietungen zu Diensten an andern Höfen, die ihm zuweilen geschehen sind, beständig ausgeschlagen hat. <198> Um seine alten Freunde zu besuchen, und zugleich die, bey Gelegenheit des Beylagers der vorigen Königin von Schweden, zu Berlin aufgeführten vier Opern [FN] zu hören, kam Pisendel im Jahre 1744 noch einmal nach Berlin. Da der König von Preussen es erfuhr, ließ er ihn immer zu seiner Kammermusik einladen, unterhielt sich oft mit ihm über musikalische Materien, und begegnete ihm überhaupt mit solcher Gnade, als die Verdienste dieses braven Tonkünstlers würdig waren.

Im Jahre 1750, als Pisendel im Bade zu Gießhübel war, wohin er zuweilen im Sommer zu reisen pflegte, überfiel ihn, da er von ungefähr in Zugluft saß, ein Brausen in dem einen Ohre, welches, aller dagegen angewandten Mittel ungeachtet, sich nicht wieder verlieren wollte. Doch ließ er sich diesen Zufall nicht abhalten, alle seine Dienste, in der Kirche sowohl als in der Oper und bey der Kammermusik, mit der größten Genauigkeit zu thun. Er fuhr auch damit, bis kurz vor seinem Tode fort, und wollte die ihm vom Hofe angebotene Erleichterung nicht annehmen. Sein Gesicht blieb auch in seinem Alter so scharf, daß er Arien, die sehr enge und klein <199> geschrieben waren, aus der auf dem Flügelpulte liegenden Partitur, ohne sich einer Brille zu bedienen, mit der größten Richtigkeit accompagniren konnte. Endlich überfiel ihn eine heftige Krankheit, und er starb daran am 25. November 1755. Seine letzten Worte waren ein Vers aus einem Kirchenliede, welcher eine Danksagung für die genossenen Wohlthaten enthält. So starb ein Mann, der sowohl in Ansehung seiner musikalischen Wissenschaften, als in Betrachtung seines Charakters und seines Herzens, ein Muster eines rechtschaffenen Tonkünstlers bleiben wird.

Er hatte sich niemals verheyrathet. Da ihn nun seine häuslichen Umstände nicht hinderten, so erwies er sich immer gegen seine Anverwandte sehr wohlthätig. Unter andern hat er einen von seiner Schwester Söhnen, den Flötenisten in der Königl. Preußischen Kapelle, Herrn Lindner, fast gänzlich erzogen, und ihm den Vortheil verschaft, von Quanzen auf seinem Instrumente unterrichtet zu werden.