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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Händel (Georg Friedrich)

des Churfürsten von Hannover, nachherigen Königs von England, Georg I. Kapellmeister.

[1. Teil: Halle - Berlin - Hamburg]

<99> Ward den 24. Februar 1684 zu Halle in Sachsen geboren, da sein Vater, der daselbst ein Wundarzt war, schon über 60 Jahre zählte. Er war aus der zweyten Ehe, und hatte nur eine leibliche Schwester, deren Tochter seine Erbin geworden ist.

So groß der Trieb zur Musik bey Händeln von Kindesbeinen an war, so groß war dagegen die Abneigung des Vaters, der ihn zu etwas anders, zum Juristen, bestimmte. Er verbot ihm nicht allein die Erlernung dieser Kunst ernstlich, sondern wollte auch kein musikalisches Instrument im Hause leiden. Diesem strengen väterlichen Verbote ward dadurch ausgewichen, daß heimlich ein kleines Clavichordium unter dem Dache versteckt stand; und da der kleine Händel doch schon etwas von den Noten wußte, so wurden die Uebungen unter dem Dache zur Nachtzeit vorgenommen, wenn alles im Hause schlief.

Händel war im siebenden Jahre, als sein Vater, in Verrichtungen, an den Hof nach Weissenfels reisen mußte, wo sein Sohn, erster <100> Ehe, Kammerdiener des Herzogs war. Unser Händel, der seinen Bruder noch nie gesehen hatte, bat den Vater sehr, daß er ihn mitnehmen möchte; da dieser aber dazu nicht zu bereden war, lief er dem Wagen zu Fuße nach, und kam mit seinem Vater zugleich nach Weissenfels.

Bey seinem Aufenthalte allda pflegte er, nach geendigtem Gottesdienste, in der Schloßkapelle bisweilen auf der Orgel zu spielen. Der Herzog hörte ihn einmal von ohngefähr, und fragte den Kammerdiener, wer auf der Orgel spielte. Da dieser nun antwortete, daß es sein Bruder sey, verlangte ihn der Herzog zu sehen, und sagte sodann zu seinem Vater, daß es Versündigung gegen das gemeine Beste und die Nachwelt wäre, wenn er ein so außerordentliches Genie zur Musik unterdrücken, und zu andern Dingen zwingen wollte. Der Vater gab mehr dem Ansehen als den Gründen des Herzogs nach, und versprach, seinem Sohne eine desselben Fähigkeiten gemäße Erziehung zu geben.

Händel wurde nun, bey seiner Zurückkunft nach Halle, dem dasigen berühmten Organisten Zachau zum Unterricht übergeben. In bessere Hände hätte er nicht kommen können. Zachau suchte nicht blos einen starken Organisten aus ihm zu machen, sondern legte es auch auf den Componisten <101> an, indem er ihm nicht allein die Grundsätze der Harmonie gründlich lehrte, sondern ihn auch mit der Schreibart verschiedener Componisten, bey verschiedenen Nationen, bekannt machte. Es gelang ihm so gut, daß sein Lehrling, ein Knabe von acht Jahren, die Stelle seines Lehrers als Organist schon mit Ehren vertreten konnte. Bald darauf fing er auch an Kirchenstücke zu componiren, welche alle in Halle aufgeführt wurden.

Er setzte diese Uebungen, und sein Studiren bey Zachauen fort bis ins Jahr 1698, da es sein Vater für gut befand, ihn nach Berlin zu schicken, wo er einen Anverwandten am Hofe hatte, auf dessen Freundschaft und Sorgfalt sich die Eltern verlassen konnten, und wo er Dinge zu hören bekam, die er in Halle nicht hören konnte.

Die Oper war damals in einem sehr blühenden Zustande daselbst. Buononcini und Attilio Ariosti, hatten die Aufsicht darüber. Der erste war ein besserer Componist, und der zweyte ein besserer Spieler. Ihr Charakter war eben so verschieden, als ihr Talent. Buononcini war eitel und stolz; Attilio hingegen aufrichtig und bescheiden. Der erste sah auf Händeln mit Verachtung, und der andere begegnete ihm mit Höflichkeit. Attilio ließ ihn zu ganzen Stunden bey sich auf dem Flügel spielen, und konnte die außerordentliche Geschicklichkeit eines so jungen <102> Knabens nicht genug bewundern. Buononcini selbst wurde endlich gezwungen, sein vorzügliches Talent zu erkennen, und erzeigte ihm einige Höflichkeiten, ob man gleich Ursache hatte zu glauben, daß sie keine Wirkungen von Freundschaft und Wohlwollen wären. Wie beide, nach der Zeit, in England einander wieder in den Weg kommen mußten, wird man weiter unten sehen.

Die Freundschaft des Attilio war indeß für Händeln von großem Nutzen. Ein Mann, der Erfahrung und Geschmack hatte, konnte manches noch an ihm verbessern. Es währte auch nicht lange, als der König ihn zu hören verlangte, der ihn hernach oft rufen ließ, und jedesmal reichlich beschenkte. Der König wollte ihn, auf seine Kosten, nach Italien reisen lassen; allein Händels Eltern lehnten, aus gewissen Ursachen, dieses Anerbieten ab.

Man fand nun nicht für gut Händeln länger in Berlin zu lassen; er kehrte daher wieder nach seiner Vaterstadt Halle zurück. Da er sich Begriffe von der Musik erworben hatte, die alles das weit übertrafen, was er in Halle fand: so war er sehr wenig geneigt, sich daselbst zu verweilen, und hatte eine große Begierde, Italien zu sehen. Da aber die Mittel fehlten, den Aufwand einer solchen Reise zu bestreiten, ging er indeß nach Hamburg. Die dasigen Opern wurden <103> nur von denen in Berlin übertroffen. Bald nach seiner Ankunft in Hamburg starb sein Vater. Händel wollte seiner Mutter nicht zur Last seyn, und fing an Lectionen im Klaviere zu geben, suchte auch eine Stelle im Orchester zu bekommen, die er sogleich, anfänglich als Ripienist bey der zweyten Violin, hernach aber als Cembalist erhielt. Händel verdiente sich damit soviel, daß er nicht allein das Geld, was ihm einst seine Mutter schickte, zurück sandte, sondern auch noch ein kleines Geschenk von dem Seinigen beyfügte.

Der Flügel in den Hamburgischen Opern wurde von dem berühmten Reiser, der auch die meisten Opern [FN] für das Theater schrieb, gespielt. Dieser Mann aber liebte die Verschwendung, gerieth in Schulden, und mußte flüchtig werden. Händel bekam hierauf seinen Platz. Mattheson war zu gleicher Zeit ein berühmter Sänger und Acteur der Hamburgischen Oper, schrieb auch selbst verschiedene Opern, in denen er nicht allein die Hauptrolle sang, sondern die er auch, wenn er vom Theater abkommen konnte, selbst am Flügel zu dirigiren pflegte. Im Jahr 1704 <104> da seine Oper Cleopatra aufgeführt wurde, und Mattheson-Antonius sich, eine halbe Stunde vor Endigung des Schauspiels, auf dem Theater entleibet hatte, wollte er (Risum teneatis!) hernach mit Dirigiren am Flügel im Orchester zeigen, daß es dieser Entleibung nur Spaß gewesen wäre. Händel, dem das Ding so ungereimt vorkam, als es in der That ist, wollte ihm nicht Platz machen, und spielte die Oper bis zu Ende. Darüber geriethen nun beide im Herausgehen in einen Zank, der endlich so hitzig ward, daß sie auf öffentlichem Markte die Degen zogen; wobey Händel beynahe ums Leben gekommen wäre. Der Stoß des feindlichen Degens traf zum Glück auf einen breiten metallenen Rockknopf, mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge zersprang. Merkwürdig ist diese Schlägerey immer, da beide seit ihrer ersten Bekanntschaft gute Freunde gewesen waren; sie wurden auch bald wieder mit einander ausgesöhnt. Inzwischen war Händel damals nicht 14 Jahre, wie in ein paar in England gedruckten Lebensbeschreibungen steht, sondern 20 Jahre alt, wenn es anders mit dem angegebenen Jahre 1704 seine Richtigkeit hat.

Im folgenden Jahre 1705 brachte Händel die erste von ihm selbst geschriebene Oper Almira in Hamburg aufs Theater, welche mit großem Beyfall aufgenommen ward. Bis zum Jahr <105> 1708 folgten dieser noch drey andere Opern: Nero, Florindo und Daphne.

Unter den vielen Standespersonen, welche zu der Zeit, da die Opern Almira und Florindo aufgeführt wurden, sich zu Hamburg aufhielten, befand sich auch der Bruder des Großherzogs von Toscana. Da dieser ein großer Liebhaber der Musik war, so fand Händel nicht nur bald den Zutritt zu diesem Prinzen, sondern wurde auch von ihm einer besondern Vertraulichkeit gewürdigt. Der Prinz beklagte oft, daß Händel mit den italiänischen Meistern so wenig bekannt wäre, und zeigte ihm von deren Werken eine große Sammlung. Händel sahe sie durch, sagte aber dem Prinzen frey heraus, daß er gar nichts Außerordentliches oder Vorzügliches darinne fände. Der Prinz versicherte ihm dagegen, daß es nur auf eine Reise nach Italien ankäme, um sich von den Vorzügen der italiänischen Musik vollkommen zu überzeugen. Der Prinz bot ihm sogar an, daß er ihn frey mit nach Italien nehmen, und es ihm daselbst an nichts fehlen lassen wollte. Ob nun gleich Händel sich diese Reise fest vorgesetzt hatte, so bald es die Umstände erlauben würden: so schlug er doch dieses Anerbieten aus, weil er seine Unabhängigkeit für keinem Vortheil in der Welt fahren lassen wollte. Dieser edle, kühne Geist der Freyheit, der ihn von <106> Jugend an geleitet hatte, verließ ihn niemals; auch nicht in den unglücklichen Begebenheiten seines Lebens.

Er hielt sich fünf Jahre zu Hamburg auf, und hatte in dieser Zeit, außer dem zu seinen Bedürfnissen nöthigen Aufwande, und einigen kleinen Geschenken an seine Mutter, sich eine Summe von zweyhundert Dukaten gesammelt. Er trat damit die Reise nach Italien an, und ließ in Hamburg eine ansehnliche Anzahl von Klaviersonaten zurück, die entweder verloren gegangen sind, oder von denen niemand weiß, daß er der Verfasser derselben ist.

Händel (Georg Friedrich)

[2. Teil: Italien]

<106> Zuerst ging er nach Florenz, wo er von dem Prinzen, dem er in Hamburg bekannt geworden war, sehr gnädig aufgenommen wurde, und durch ihn freyen Zutritt im Palaste des Großherzogs erhielt. Dieser wünschte etwas von Händels Composition zu hören. Händel schrieb also im Jahr 1710, da er nun sechs und zwanzig jahre hatte, der Verschiedenheit ungeachtet, die man zwischen der italiänischen und deutschen Musik findet, die Oper Rodrigo mit so vielem Glück, daß er ein Geschenk von hundert Zechinen, nebst einem Silberservice erhielt.

Die vornehmste Sängerin und Actrize zu Florenz war damals Vittoria; von welcher man sagt, daß sie sehr schön gewesen sey, daß sie beym <107> Großherzoge in vorzüglichen Gnaden gestanden, und daß sie Händeln, seiner Jugend und Verdienste wegen, ihre Zuneigung geschenkt habe.

Nachdem er sich ein Jahr in Florenz aufgehalten hatte, begab er sich nach Venedig, wo er zuerst auf einer Maskerade, als er den Flügel spielte, entdeckt wurde. Man sagt, Scarlati habe ihn da gehört, und ausgerufen: das könne niemand anders als der Sachse oder Teufel seyn.

Da er nun dadurch genöthigt war, sich zu erkennen zu geben, so ließ man ihm nicht Ruhe, bis er versprach, eine Oper zu componiren. Er verfertigte daher, in einer Zeit von drey Wochen die Agrippina, welche sieben und zwanzigmal nach einander aufgeführt wurde. Die besten Sänger und Sängerinnen bewarben sich um Rollen in der Agrippina, besonders die Vittoria, die beym Großherzoge sich Urlaub ausgebeten hatte, und aus persönlicher Achtung gegen Händeln sich alle Mühe gab, durch Anwendung ihrer Geschicklichkeit den Werth seiner Arbeit zu erhöhen. Gasparini und Lotti stritten zu gleicher Zeit auf ein paar andern Theatern mit Händeln um den Vorzug.

Von Venedig ging er nach Rom. Der Ruf von seiner Geschicklichkeit ging immer vor ihm her, so daß er an keinem Orte lange verborgen <108> blieb. Hier wurde er auch bald von Personen vom ersten Range gesucht, besonders vom Cardinal Ottoboni, der eine Gesellschaft vortreflicher Tonkünstler unterhielt, unter denen der berühmte Corelli die erste Violin spielte. Es wurden in dem Palaste des Cardinals Opern, Oratorien und andere große Werke, von Zeit zu Zeit aufgeführt. Von Händeln ward jetzt ein ähnliches Stück gefordert; die Musici aber, die nur an ihre italiänische Compositionen gewohnt waren, fanden verschiedene Schwierigkeiten darinne. Corelli selbst, dessen Bescheidenheit und Artigkeit mit seinen übrigen Eigenschaften überein kam, beklagte sich darüber, und da er lange sich vergebens bemüht hatte, gewisse Stellen nach Händels Sinn und Meynung herauszubringen, riß dieser ihm, mit Ungestüm, die Violin aus der Hand, und spielte ihm diese Stellen vor. Der bescheidene, sanftmüthige Corelli beschämte Händeln einigermaßen dadurch, daß er ihm ganz gelassen zur Antwort gab: Ma, caro Sassone, questa musica è nel stilo francese, di ch'io non m'intendo. "Diese Musik, mein lieber Sachse, ist im französischen Geschmacke, und darauf verstehe ich mich nicht."

Das Instrument, worauf sich Händel als den größten Künstler zeigte, war die Orgel; doch hatte er auch auf dem Flügel wenige seines Gleichen. <109> Domenico Scarlatti, der damals bey dem Cardinal Ortoboni war, wurde für den größten Meister auf diesem Instrumente in ganz Italien gehalten. Der Cardinal veranstaltete es, daß beide ihre Geschicklichkeit gegen einander zeigen mußten. Der Ausgang dieses Wettstreits wird auf verschiedene Art erzählt, indem einige Händeln, andere aber dem Scarlatti den Sieg zueignen. Wenn sie indeß gegen einander auf der Orgel spielten, so gestand Scarlatti selbst, daß ihn Händel weit übertreffe. Es ist eine Ehre für beide, daß sie, ungeachtet sie Nebenbuhler waren, dennoch gute Freunde blieben.

Während seines Aufenthalts zu Rom besuchte er auch bisweilen die Cardinäle Clonna und Pamphili. Der letztere, der einiges Talent zur Dichtkunst hatte, schrieb ein musikalisches Drama: il trionfo del tempo, und verschiedene andere kleinere Gedichte, welche Händel meistentheils zum Feyerabend, und aus dem Stegreife componirte. Eins von diesen Gedichten war auf Händeln selbst gemacht: er wurde darinne dem Orpheus verglichen, und zum Gotte erhoben.

Da er so mit verschiedenen Prälaten der römischen Kirche bekannt war, so fehlte es ihm nicht an Versuchungen der Religion wegen. Man sah aber gar bald, daß mit Händeln, in diesem Stücke, nichts anzufangen wäre. Er erklärte, <110> daß er in der Religion, in der er geboren worden, leben und sterben wolle, sie möge wahr oder falsch seyn.

Während seines Aufenthalts zu Rom hat er ein Oratorium, la resurrezzione, auf hundert und funfzig Cantaten, viele Sonaten, nebst noch verschiedenen andern Stücken componirt.

Von Rom ging er nach Neapel, wo er von den vornehmsten Personen überall wohl aufgenommen wurde. An diesem Orte componirte er eine Serenade: Acide e Galatea, auf Verlangen einer Dame von sehr hohem Stande, der Donna Laura. Nachdem er sich einige Zeit in Neapel verweilt hatte, ging er zum zweytenmale nach Florenz, Rom und Venedig, und kehrte, nach einem sechsjährigen Aufenthalte in Italien, wieder in sein Vaterland zurück.

Händel (Georg Friedrich)

[3. Teil: Hannover - London]

<110> Unterwegs traf er in Hannover ein, wo er den berühmten Steffani fand, den er zuvor in Venedig gesehen hatte, und der damals bey dem Churfürst von Hannover, nachherigem Könige von Großbritannien, George I., Kapellmeister war. Eben daselbst fand er auch einen andern Bekannten aus Italien, den Baron von Rielmanseck, der ihn mit so nachdrücklicher Empfehlung an den Hof brachte, daß der Churfürst ihm sogleich einen jährlichen Gehalt von 1500 Thalern aussetzte, um ihn in Hannover fest zu halten. Händel, <111> welcher zu der Zeit angelegentliche Einladungen nach England erhielt, und überdieß versprochen hatte, den Hof des Churfürsten von der Pfalz zu besuchen, sagte dem Baron, daß er zwar die Gnade des Churfürsten zu schätzen wisse; er trüge aber Bedenken, das Anerbieten anzunehmen, weil es ihm die Verbindlichkeit auflegte in Hannover zu bleiben, welche mit seinem Versprechen, und gewissen vorherigen Entschließungen, sich nicht vereinigen ließe. Der Baron hinterbrachte Händels Einwendung dem Churfürsten, welcher ihm sagen ließ, daß die Annahme des ihm angebotenen Gehalts ihn weder von seinem Versprechen, noch von seinen Entschließungen abhalten solle, sondern daß man ihm völlige Freyheit ließe, ein Jahr und mehr, nach seinem Gefallen, abwesend zu seyn. Auf diese Bedingung nun nahm Händel den Gehalt mit Dank an.

Da Steffani bald hernach das Amt des Kapellmeisters niederlegte, so wurde dasselbe Händeln gegeben. Sein Privilegium, nach Gefallen abwesend zu seyn, wurde dadurch nicht aufgehoben, und er reiste bald darauf nach Düsseldorf. Er besuchte zugleich seine Geburtsstadt Halle, wo er einige Zeit unter seinen Freunden und Verwandten zubrachte; besonders bey seiner Mutter, die damals sehr alt, und seit geraumer Zeit blind war; sein ehemaliger Lehrmeister Zachau hatte <112> ebenfalls die Freude, ihn oft bey sich zu sehen.

Von Düsseldorf ging er über Holland nach England, und langte im Winter des Jahrs 1710 [FN] in London an. Die Opern waren <113> damals eine neue Art von Lustbarkeit; aber in Ansehung der Poesie, der Maschinen und Auszierungen so abgeschmackt, daß Addison sich nicht enthalten konnte im englischen Zuschauer sie lächerlich zu machen. Die Musik entlehnte man meistentheils von den Italiänern, und war schon zufrieden, wenn nur englische Worte darunter standen, ohne darauf zu sehen, ob sie darunter paßten oder nicht. Händel gab nun diesen Dingen bald eine andere Gestalt.

Seine Verdienste waren vielen Engländern nicht unbekannt, da sie seine Arbeiten schon in Italien und Hannover gehört hatten. Er wurde bey Hofe eingeführt, und die Königin beehrte ihn mit vorzüglichen Gnadenbezeugungen. Der Adel des Hofes bezeugte groß Verlangen, eine Oper von seiner Arbeit zu sehen, und Händel schrieb, in Zeit von vierzehn Tagen, seine erste Oper Rinaldo, zu welcher ein Italiäner, Rossi, die Poesie gemacht hatte. Der berühmte Sänger, Nicolini, hatte in dieser Oper die Hauptrolle.

<114> Händel hatte nunmehr ein ganzes Jahr in England zugebracht, und hielt es für nöthig, nach Hannover zurück zu gehen. Bey seiner Abreise erhielt er von der Königin und dem hohen Adel ansehnliche Geschenke, und mußte versprechen, daß er bald wieder nach England kommen wollte.

In Hannover verfertigte er, für die damalige Churprinzessin, Carolina, zwölf Kammerduette, zu welchen der Abt Mauro Hortensio die Poesie gemacht hatte. Er componirte auch noch andere Stücke, sowohl zum Singen, als für Instrumente.

Gegen das Ende des Jahres 1712 ging er nach England zurück. Der Utrechter Friede wurde, wenige Monate nachher, geschlossen, und bey dieser Gelegenheit verfertigte Händel, auf Befehl der Königin, ein Te Deum [FN] und Iubilate, beides über englischen Text. Man ging ihn auch an, daß er die Direction der Oper auf dem Hay=market wieder übernehmen sollte. Die Königin selbst wendete ihr Ansehen an, ihn dazu zu vermögen; und als ein Zeichen der Achtung gegen seine Verdienste, setzte sie ihm einen Gehalt von <115> zweyhundert Pfund auf Lebenszeit aus. Ungeachtet Händel in Hannover sich verbindlich gemacht hatte, bald wieder zurück zu kommen, hielt er sich doch, bis zum Tode der Königin, welcher im Jahr 1714 erfolgte, in England auf, und der Churfürst von Hannover, als Thronfolger, kam nun selbst nach England.

Händel, dem sein Gewissen schlug, unterstand sich nicht, am Hofe zu erscheinen. Sein Freund, der Baron Rielmanseck, nahm sich indeß seiner Sache an, und veranstaltete für den König eine Lustfahrt auf dem Wasser, wozu Händel eine eigene Musik verfertigen mußte. Dem Könige gefiel diese Ueberraschung eben so sehr als die Musik selbst, und da er nach dem Verfasser derselben fragte, stellte ihm der Baron Händeln vor, als einen, der seinen Fehltritt zu sehr erkenne, als daß er Entschuldigungen dafür suchen sollte, der aber ein aufrichtiges Verlangen trage, ihn wieder gut zu machen. Händel erhielt dadurch die Gnade des Königs wieder. Sein Gehalt wurde mit zweyhundert Pfund, auf Lebenslang, vermehrt; und als er die jungen Prinzessinen in der Musik zu unterrichten bekam, wurden noch zweyhundert Pfund hinzugethan; daß also Händel jetzt 600 Pfund jährlich hatte.

Im Jahre 1715 verfertigte er die Oper Amadige; und von dieser Zeit an, bis ins Jahr <116> 1718 war er fast beständig bey dem Grafen von Burlington. Da Pope ein sehr vertrauter Freund des Grafen war, trug es sich oft zu, daß Händel und er zusammen bey ihm speisten. Pope, der das feinste Gehör für die Harmonie des Verses hatte, besas keins für die Musik; und er gestand oft, daß die besten Compositionen von Händeln ihm nicht mehr Vergnügen machten, als das gemeinste Gassenlied. Unterdessen hatte ihn sein Freund, Arbuthnot, mit Händels hervorragenden Verdiensten bekannt gemacht, daß er ihn also, als einen großen Mann in seinem Fache, doch hochschätzte.

Vom Jahr 1718 bis 20 hielt sich Händel die meiste Zeit zu Cannons, bey dem Herzoge von Chandois auf; er hat auch in diesen beiden Jahren von Opern nichts weiter componirt, als dem Teseo und Pastor fido, weil Buononcini und Attilio, die Händel schon von Berlin aus kannte, die eigentlichen Componisten für die Oper waren.

[4. Teil: Opernunternehmungen]

<116> Um diese Zeit fiel man darauf, eine Art von Akademie auf dem Haymarket zu stiften, in der Absicht, daß daselbst Opern, von Händels Composition, unter seiner Direction, aufgeführt werden sollten. Man erwählte den Weg der Subscription, durch welchen keine geingere Summe, als 50000 Pfund zusammen gebracht wurde. <117> Der König selbst hatte unterschrieben, und die Gesellschaft bekam den Titel einer königlichen Akademie. Händel reiste in der Absicht, Sänger zu suchen, nach Dresden, allwo sich damals, des churprinzlichen Beylagers wegen, verschiedene berühmte italiänische Sänger befanden. Er beredete den Senesino und die Duristanti mit ihm nach England zu gehen. Händel hatte bey dieser neuen Unternehmung die Parthey des Buononcini und Attilio gegen sich; sie konnte es aber doch nicht hindern, daß nicht im Jahr 1720 Händel mit seiner Oper, Radamisto, auftrat. Das Haus war bey der ersten Vorstellung dieser Oper so voll, daß viele, von der außerordentlichen Hitze, ohnmächtig wurden; und viele boten für einen Platz auf der Galerie vierzig Schillinge, nachdem sie sich um ein anderes Unterkommen vergebens bemühet hatten.

Der Streit zwischen Händel und Buononcinis Parthey ging immer weiter, und der Adel theilte sich in zwo Factionen, die sich einander mit großer Heftigkeit entgegen stellten. Man verglich sich zuletzt dahin, daß die beiden italiänischen Componisten und Händel an einer Oper gemeinschaftlich arbeiten, und jeder einen Aufzug derselben schreiben sollte. Derjenige nun, der auch die Allgemeinheit der Stimmen die besten Beweise von seiner Geschicklichkeit geben würde, <118> solle zu dem Besitze des Hauses gelangen. Diese Oper war Musio Scevola, und Händel componirte den letzten Aufzug. Die Stimmen waren bey der Aufführung gar nicht mehr getheilt, und Händel erhielt den Vorzug. Die Akademie wurde nunmehr völlig eingerichtet, und Händel, der Componist für dieselbe ward, unterhielt sie neun Jahre lang, mit außerordentlichem Beyfalle.

Dieß ist unstreitig die glänzendste und glücklichste Periode in dem Leben Händels. Es gehörte auch kein geringeres Ansehen, als das seinige, dazu, eine Gesellschaft, bey welcher Ordnung und Ruhe selten lange dauern, eine solche Reihe von Jahren hindurch, aufrecht zu erhalten. Endlich aber brach doch Zwist und Uneinigkeit unter derselben aus, und machte der Sache bald ein Ende. Die nachtheiligste Mißhelligkeit war die zwischen Händeln und Senesino. Ersterer konnte leicht durch die Umstände etwas trotzig und herrschsüchtig; der andere aber, der sich durch seine gute Gestalt, durch seinen vortreflichen Gesang und gute Action, durchgängig sehr empfohlen hatte, etwas stolz und unbiegsam geworden seyn. Kurz Händel und Sinesino zerfielen so mit einander, daß alle Mühe, die sich der Adel gab, zwo so unentbehrliche Personen wieder mit einander zu versöhnen, vergebens war. Ein eben so <119> heftiger Streit entstand zwischen den beiden Sängerinnen, der Cuzzoni [FN] und der Faustina; so daß endlich eine Gesellschaft, bey der der König selbst und fast der ganze Hof interessirt war, und zu deren Unterhaltung man eine Summe von 50000 Pfund unterschrieben hatte, durch den Uebermuth derjenigen Personen zerrissen wurde, gegen die man mit Lobeserhebungen und Geschenken verschwenderisch gewesen war.

Ob nun gleich die Akademie aus einander ging, so verließ doch Händel den Haymarket nicht; er sahe aber bald, daß er nicht allein eine Person von Wichtigkeit wäre. Nachdem Senesino den Abschied erhalten hatte, verloren sich die Zuhörer, und das Publikum ließ ihn empfinden, wie Unrecht er hatte, daß er auf öffentliche <120> Unkosten seinen Zorn hatte befriedigen wollen. Er schloß damals mit Heidegger einen Vertrag, daß sie beide in Compagnie die Opern fortsetzen wollten. Händel reiste nun nach Italien, um Sänger zu holen, brachte auch die Strada, den Bernachi, Fabri, Bartoldi, nebst andern nach England; aber er empfand den Unterschied bald, der zwischen einer Verbindung mit dem Brittischen Hofe, und einer Gemeinschaft mit Heidegger war.

Der Adel, der sich beleidigt fand, veranstaltete eine neue Subscription, um gegen ihn, im Schauspielhause in Lincoln's-Inn Fields Opern aufzuführen. Porpora und Farinelli waren bey dieser Gesellschaft, der erste als Componist, der andere als Sänger. Händel erhielt sich drey Jahre lang mit Heidegger gemeinschaftlich, und ein Jahr allein, gegen seinen Widersacher; endlich aber mußte er unterliegen, und sage sich genöthigt, den Haymarket seinen Nebenbuhlern zu überlassen.

Er machte nachher einen Versuch, sich in dem Hause, das seine Gegner in Lincoln's-Inn Fields verlassen hatten, Zuhörer zu verschaffen; aber dies Vorhaben mißlang ihm, und er verfügte sich nunmehr in Coventgarden, und schloß eine Gemeinschaft, mit dem Besitzer des Hauses, dem Herrn Rich. In Coventgarden führte er im <121> Winter 1733 die Oper Ariadne auf, indeß daß eine von Porpora gesetzte Oper, die eben diesen Namen hatte, auf dem Haymarket aufgeführt wurde. Er hatte das Mißvergnügen, zu sehen, daß er, wenn er auch der Composition des Porpora die seinige entgegensetzen durfte, dennoch der Stimme des Farinelli nichts entgegen zu setzen hatte.

Dieses war für ihn desto demüthigender, da er seinen ehemaligen Beyfall sich immer allein zugeschrieben, und einen Sänger verachtet hatte, der so sehr befugt war, den Ruhm mit ihm zu theilen. Unterdessen fuhr er so lange hartnäckig fort, bis er sich genöthigt sahe, fast alles, was er hatte, hinzugeben, um sich aus seinen Schulden zu reissen. Dieser unglückliche Ausgang machte einen so starken Eindruck auf ihn, daß er nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen Verstand, auf eine Zeitlang, verlor. Sein rechter Arm wurde ihm durch einen Schlagfluß unbrauchbar gemacht; und er sagte und that zuweilen Dinge, daß man an seiner Sinnlosigkeit nicht mehr zweifeln konnte.

Er wurde endlich von diesem traurigen Zustande, vornämlich durch den Gebrauch der Bäder zu Aachen, wieder befreyet, und kehrte im jahr 1736 nach London zurück. Kurz nach seiner Zurückkunft wurde sein Alexanders-Fest in <122> Coventgarden aufgeführt, und wohl aufgenommen. Unter dieser Zeit war die Oper auf dem Haymarket, durch verschiedene Umstände, auch sehr zurück gekommen. Der Lord Middlesex übernahm sie endlich, und wandte sich an Händeln, daß er ihn mit Compositionen versehen möchte. Händel schrieb für den Lord also die beiden Opern Faramondo und Alessandro, und erhielt dafür tausend Pfund. Beide wurden Im Jahr 1737 auf dem Haymarket aufgeführt.

Händel (Georg Friedrich)

[5. Teil: Zeit der Oratorien]

<122> Da Händel mit seinen Opern den ehemaligen Beyfall nicht mehr fand, so führte er eine andere Gattung von Drama ein, die er Oratorien nannte, und die er dem ernsthaften Charakter der Engländer für gemäßer hielt. Da der Inhalt dieser Stücke aus der biblischen Geschichte genommen war, so hielten es einige für Entheiligung, daß sie in Musik gesetzt würden, und öffentlich aufgeführt werden sollten. Dies Vorurtheil war nicht allgemein genug, um zu verhindern, daß sie nicht als dramatische Dialogen abgesungen wurden; aber es verhinderte doch die ordentliche theatralische Vorstellung, und dadurch wurden diese Stücke weniger unterhaltend. Ungeachtet sie nun den Beyfall nicht erhielten, den sie verdienten: so fuhr doch Händel damit bis zum Jahre 1741 fort, da die schlechte Beschaffenheit seiner Umstände <123> ihn nöthigte, England zu verlassen, und in Dublin sein Glück zu versuchen.

Das erste, was er in Dublin that, war, daß er seinen Messias, zum Besten der Gefangenen in den Stadtgefängnissen aufführte. Er glaubte sich durch nichts besser, als durch eine solche wohlthätige Handlung empfehlen zu können; vielleicht hofte er auch seinem Messias, welcher zuerst in London sehr kaltsinnig war aufgenommen worden, dadurch einiges Gewicht zu geben. Man empfing Händeln in Irland auf eine Art, welche eine große Achtung seiner Verdienste zu erkennen gab. Sein Aufenthalt daselbst, welcher neun Monate dauerte, brachte ihn in eine bessere Verfassung; und bey seiner Zurückkunft nach London fand er das Publikum besser gegen sich gesinnt, als bey seiner Abreise.

Händel fing nunmehr seine Oratorios im Coventgarden, mit allgemeinem Beyfalle, wieder an, und führte den Sampson auf. Im Jahre 1743 hatte er wieder einen paralytischen Zufall, und im folgenden Jahre zog er sich den Unwillen einer Dame zu, die alles anwandte, ihn zu stürzen; aber vergebens. Sein Messias, den man ehemals so kaltsinnig aufgenommen hatte, ward nun ein Lieblingsstück. Händel führte ihn alle Jahr einmal zum Besten des Findlingshospitals auf, und ward dadurch einer der wohlthätigsten <124> Stützen dieses höchst nützlichen Instituts.

Im Jahre 1751 beraubte ihm eine Augenkrankheit, der schwarze Staar, des Gesichts. Er gerieth darüber eine Zeitlang in die tiefste Schwermuth, und konnte nicht ruhen, bis er einige Operationen mit sich hatte vornehmen lassen, die eben so fruchtlos als schmerzhaft waren. Der Ritter Taylor, der sich eben damals in England befand, und überall Wunder gethan haben wollte, verrichtete diese Operationen, die wenigstens seinem Beutel zuträglich waren, wenn sie auch Händels Augen nichts halfen.

Händel blieb, bis an sein Ende, acht Jahre lang, blind. Die Aufführung seiner Singstücke wurde indeß ununterbrochen fortgesetzt. Da es aber nicht möglich war, daß er bey seiner Blindheit, die Aufführung allein hätte sollen besorgen können: so stand ihm Herr Smith bey, und spielte für ihn.

Vom October im Jahr 1758 an nahm seine Gesundheit merklich ab, und die Lust zu essen, die sonst sehr stark bey ihm gewesen war, verließ ihn gänzlich. Dem ungeachtet behielt sein Geist, auch in den letzten Tagen seines Lebens, seine völlige Lebhaftigkeit, welches aus verschiedenen Gesängen und Chören, auch andern Compositionen erhellet, die, der Zeit ihrer Entstehung nach, <125> als die letzten Töne seiner sterbenden Stimme angesehen werden können. Am sechsten April 1759 wurde sein letztes Oratorium noch in seiner Gegenwart aufgeführt, und den vierzehnten starb er; vier Monate früher als Graun: daß also das Jahr 1750 der Musik zween große Männer geraubt hat, die beide Deutsche waren.

Er wurde in der Westmünster Abtey begraben, wo man, seiner Verordnung gemäß, ihm ein Denkmal, auf seine Kosten errichtet hat. Da er nicht verheyrathet gewesen war, und keine Kinder hinterließ: so vermachte er sein hinterlassenes Vermögen seiner Schwester Tochter; seine Musikalien aber dem Herrn Smith, der ihm, in den letzten Jahren so treulich beygestanden hatte, und nachher, nebst dem Herrn Stanley, die Aufführung seiner Oratorien fortgesetzt hat.

[6. Teil: Werke und Stil]

<125> Das ausführliche Verzeichniß der Händelischen Compositionen hier einzurücken, wie es der englische Verfasser der von Martheson übersetzten Lebensbeschreibung geliefert hat, halte ich für überflüßig. Sie bestehen aus Opern, Oratorien, Serenaden, Kirchenmusiken, Kammermusiken und Instrumentalsachen. Der Opern sind vier und vierzig; davon viere in Hamburg, viere in Italien, und sechs und dreißig in London verfertigt sind. Der Oratorien sind zwey und zwanzig; von den Alexanders Fest, Sampson, <126> Judas Maccabäus und der Messias auch durch untergelegte deutsche Worte bekannt sind. Von Serenaden werden fünf angegeben, wovon aber zwey unter den in Italien verfertigten Opern mit begriffen sind. Unter den Kirchenmusiken steht das oben angeführte Te Deum und Iubilate oben an; außer drey andern Te Deum, besteht das Uebrige aus Krönungsstücken, Motetten und Begräbnißstücken. Zur Kammermusik gehören ohngefähr 200 in Hannover verfertigte Cantaten, ein Dutzend Duetten, und einige Serenaden. Die Instrumentalsachen bestehen aus der oben berührten Wassermusik, aus Concerten, Violintrios, Klaviersuiten, zwölf Concerti grossi, und zwölf Orgelconcerten. Diese Sachen, wenigstens die in England componirten, sind fast alle in Kupfer gestochen.

Kein Componist ist der einmal angenommenen Manier so treu geblieben, und hat seinen Ton so wenig geändert, als Händel. Er legte den Grund in der Musik in der Schule eines Mannes, der ein großer Harmoniegelehrter, ein starker Orgel- und Fugenspieler war; zu einer Zeit, wo aus der Harmonie so viel Wesens gemacht wurde, daß die Componisten der Melodie fast gänzlich darüber vergaßen. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn man in Händels Werken mehr Reichthum der Harmonie als der Melodie, mehr <127> kunstmäßige Bearbeitung, als leichtfließenden Gesang antrift. Außerdem finden sich Umstände in seinem Leben, aus denen sich vermuthen läßt, daß er mit Vorsatz den Eindruck mit der Harmonie zu machen suchte, den andere mit ihrer Melodie machten. Das war besonders der Fall, da er in London zuerst den Buononcini und Attilio, hernach den Porpota und Hasse zu Gegnern hatte. Indeß erhielten dadurch alle seine Compositionen eine gewisse Würde und Erhabenheit, die ihnen mehrentheils das Uebergewicht über die mehr melodischen Producte jener Männer verschafte. Er übertreffe nun oder werde übertroffen: so ist es doch gewiß, daß er in seinen Chören nicht so leicht zu erreichen ist.

Als Orgelspieler war er zu allen Zeiten und an allen Orten so berühmt, daß, als Mattheson einst zu Halberstadt auf der Schloßorgel spielte, der Organist, der ihn nicht kannte, voll Verwunderung ausrief: "Mein Herr, Sie sind entweder ein Schwarzkünstler, oder Händel; denn von dem hat man mir gesagt, daß er lauter Hexerey auf den Orgeln treibt."